Abstract in English by IGSG

Castes, crows, corruption
The Austrian newspaper Die Presse in an article about India with the title "Castes, crows and corruption" inserts an introduction referring Goa. The author describes mining and dust in Goa, the beautiful scenery and ugly garbage everywhere. He focuses as well on the problem of globalization, poverty and the relation between India and China.

 

 

Viena (Austria), February 3, 2012

Kasten, Krähen, Korruption

 

Von Peter Rosei

 

Das zwanzigste Dorf sieht aus wie das erste. Kleine Häuschen, bunt angemalt. Ein Raum, unterteilt, für die ganze Familie. Kein Gehsteig. Kehrende Frauen. Viele Handys. Schwatzende Männer. Alle Stadien der Bekleidung. Indien – ein Besuch.

Die Se-Kathedrale, die Basilika des Jesus-Kindes, die Kirche des Franz von Assisi, St. Augustin, die Kirche unserer lieben Frau vom Rosenkranz, St. Anton, St. Xavier, die Kapelle der heiligen Katharina: Was Antigua in Guatemala für die amerikanischen Kolonien der Spanier, das war Goa für das asiatische Reich der Portugiesen. 1510 landete Alfonso de Albuquerquemit seinen Truppen. Von Goa reichte das zu den Molukken, nach Timor, bis nach Macao in China. Hier lebte Luís Vaz de Camões, der Dichter der Lusiaden. Während ich eine der Straßen zwischen alten, portugiesischen Ansitzen hinunterspaziere, verkommen und vonvielerlei Pflanzen überwuchert die meisten, mit eingesunkenen Dächern und herunterhängenden Fensterläden, denke ich mir: Wie muss nur den Portugiesen zumute sein? Einst Herren eines Weltreiches, jetzt Armenhaus von Europa. Bis mir einfällt, dass die Österreicher einst ja auch Beherrscher eines Imperiums waren. Billiges Mitgefühl! Freilich, uns geht es heut besser. Doch schwer und dunkel ist die Luft hierzulande, fast wie in den Tropen. Ganz andere und neue Probleme! Mit dem Feuerzeug muss man nach einem Politiker suchen, der weiß, was Sache ist, der das öffentlich sagt und, zuletzt, auch danach handelt.

Man hört ja öfter die Phrase, Indien sei ein Land im Wandel, im Umbruch, und das stimmt. Wandel ist das Wesen des Geschichtlichen. Es fragt sich nur, wie er aussieht.

Ich unterhalte mich mit einem alten Inder, offenbar gebildet und zur reichen Oberschicht gehörend. Als ich auf seine Frage, wo ich denn herkäme, antworte: „Aus Goa!“ und hinzufüge: „Goa is just a heap of junk now!“, erwidert er zustimmend, wenn auch gedanklich etwas unscharf und voller Groll: „It's the British that ruined India.“

Im Hinterland von Goa, östlich von Ponda, liegen die Abbauzonen für Manganerze und Bauxit. Fingerdick bedeckt roter Staub die Bäume an der Straße, ja die ganzen umgebenden Urwaldtäler. Sechs Tage die Woche blockiert eine ununterbrochene Karawane von schweren Lastern die Durchzugsstraße zum Mandovi-Fluss. Dort liegt der Pier, von dem Lastkähne das Erz zum Hafen hinausbringen, wo es auf Hochseeschiffe verladen wird.

Wer Rohstoffe verkauft oder verkaufen muss, zieht immer schon den Kürzeren.


Wer zu denken aufhört, beginnt auch schon zu sterben. Unter Palmen und Banyanbäumen lässt sich leicht träumen. Verführerisch ist es, über den Dreck, all die Plastikflaschen, den Schutt und die Abfälle hinwegzusehen, die die Straßen begleiten. Die Küsten von Goa sind eine Art Jesolo voller Ferienvillen, Resorts und Gästehäusern. Was die Fetzenmärkte für den Einkaufswilligen, sind diehalbnackten Touristinnen am Strand für den Voyeur. Bis ins Wasser hinein verfolgen fliegende Händler die Kundschaft. Vom Krokodil bis zum Delfin kann alles besichtigt werden. Die wunderbar besternte Tropennacht – ein Diskorausch.

International. Auch sehr viele Russen da. Die Inder haben schon spitz gekriegt, wie freigiebig die mit dem Geld umgehen. Zugleich belächeln sie die Sorte: Wie verrückt diese Leute doch sind!


„Where have all the good times gone?“, frage ich in einem anderen Gespräch. Einst war Indien „The Golden Bird“, begehrt bei den Völkern, die aus dem Norden kamen.
„Our culture, it was all about art and music and dancing“, bemerkt eine indische Dame voll Schwermut. Man sagt, dass eine Handvoll reicher Familien das heutige Indien beherrscht. Korruption heißt das allgemein beklagte Übel. Was tun?

Die Infrastruktur des Landes ist desolat. Große Bezirke rein agrarisch. Die Fabriken, etwa Zuckerfabriken oder Stahlwerke, oft in ausländischer Hand. Die Lage, wie gegeben, lässt das Erstarken der indischen Wirtschaft nun doch etwas anders erscheinen: Vor allem dürften Niedriglöhne und das Beiseitelassen jeden Umweltschutzes für die Erfolge auf dem internationalen Parkett verantwortlich sein. Wie lange kann das aber gehen? Je mehr Fäden ich aufnehme, desto verwirrender präsentiert sich das Muster.


Zweierlei kommt immer wieder auf einen zu: die Rivalität mit China einerseits, die nur notdürftig unterdrückte und kaschierte Feindschaft zwischen Hindus und Moslems andererseits. Da steigen wir Europäer ja direkt noch fein aus. Kastenwesen: Was in der Stadt überwunden scheint, auf dem Land regiert es. Die Geburt zählt viel. Ich traf allerdings auch „Unberührbare“, die es zu Wohlstand, ja Reichtum gebracht haben.

Tiefe Religiosität vieler Menschen. Mir fällt meine böhmische Großmutter ein, die jeden Tag zwei Mal in der Kirche war, in ihrem Zimmer noch einen kleinen Altar aufgebaut hatte, Muttergottes mit Rosenkranz, wo sie untertags öfter betete, kniend, in tiefer Versunkenheit.

Heilige Bäume am Weg, mit buntem Tand umgürtet, Hinduheiligtümer davor. Plattformen um Bäume, wo man im Schatten ruht oder sein Gebet hersagt. Geleiert, das Ganze, aber mit der Kraft des Herzen, inbrünstig. Wie lange habe ich solche Demut, solche Schicksalsergebenheit nicht mehr erlebt?

Die vielen Pilger dagegen, hier in Schwarz gekleidet, barfüßig, sie schauen beinah schon wie Touristen aus.


Fortströmende Landschaft des Dekan-Plateaus: Meile um Meile wie ein riesiger Park, Ebene, gegliedert durch jetzt meist ausgetrocknete Wasserläufe, die der Monsun dann hoffentlich füllen wird. Missernten. Nach Missernten kommt es zu Selbstmorden unter den Farmern. Verzweiflung. Alles am Äußersten. Preisdiktate der Großabnehmer. Streiks, um doch noch einen gerechten Preis zu erzwingen. – Und dann wieder der friedvolle Ausblick in die sich weiter erzählende Landschaft, wie im Marchfeld etwa anzuschauen, im Weinviertel, mit mächtigen Bäumen darin, Mango oder Peepul-Tree, Akaziengestrüpp an den Straßen entlang, Brennholz. – Dass eine kleinere Stadt zwei Millionen Einwohner hat, ist nichts Besonderes. ModerneHochbauten zwischenLehmhütten. Wird dieStraße verbreitert, reißt man die Hütten einfach ab. Zwangsübersiedlungen ganzer Dörfer, wo es geboten erscheint.

Dann die „Gipsies“,wie sie hierorts genannt werden, allerhand unstete Völkerschaften, von alters her diskriminiert, bringen sich als Wanderarbeiter für Erntekampagnen oder beim Straßenbau durch. Zelte aus blauer Plastikbahn, Kochen auf dem Dreifuß, Leben auf der Erde. Ochsenkarren, Feldarbeit mit der Hand, die Zuckerrohrschneider in parallel vorgehenden Arbeitskolonnen: kleine Leute im hohen, harten Röhricht, Messer schwingend.

Wo will mein Bericht denn hin? Eingedrückt von der schieren Masse des Erlebten, des oft Unvereinbaren, ich weiß es nicht. Mir wird etwa nebenher klar, dass es um eine Zivilisation, wie zum Beispiel die unsere, die es nicht schafft, sich in ausreichendem Maß fortzuzeugen, dass es, bei all der technischen Überlegenheit, der sozialen Raffinesse, dass es um eine solche Zivilisation nicht gut bestellt sein kann. Eine Art Tabu, wie mir scheint: Das Offensichtliche, klar am Tag Liegende wird nicht gedacht, darf auch nicht gesagt werden. Rechtspopulisten rülpsen gelegentlich. Das Ungeheuerliche, das in der Tatsache sich verbirgt, dass es zu wenig Kinder gibt, es wird nicht adäquat angesprochen.

Die historische Ablage, das Ranking des Gewesenen, wenn man so sagen kann, in Indien kommt einem das bald durcheinander, das Gewohnte gilt auf einmal nicht mehr: Hier herrscht eine ganz andere Ordnung. Zwar, die Interventionen der Länder der sogenannten Ersten Welt, es gibt sie, ja sie erscheinen gewaltig: Wie aber die Transformation im Einzelnen aussehen und ausgehen wird, ob die Kräfte des Voran, des Immer-Weiter nicht irgendwann erlahmen, versanden werden, wer wagte das schon zu beurteilen?

Sind wir jetzt für oder gegen die Globalisierung? Die Auskunft lautet: Nur einDummkopf kann das Vergangene zurückwünschen. Und außerdem, ganz gleich, wie wir uns einstellen, der Sog, die mächtige Strömung ist da, sie lässt sich nicht aufhalten und bricht sich Bahn.

Wir haben die Autobahn erreicht, den All-India-Highway, und für etliche Kilometer läuft alles wie geschmiert, wir dürfen uns, flott dahinrauschend, wie Könige fühlen, unsere Bedenken und Sorgen für eine Weile beiseite lassen.


Blaues Firmament. Keine Wolken. Ist es ein Mantra? Ist es Suada? Ich dichte mir die rosenfarbenen Felsen und Wackelsteine her, Wollsackformen wie daheim im Waldviertel, uralte Massen, Gondwana-Land, hoch in den Himmel getürmt. Hängende Palmengärten, Bananenwälder, Flüsse. Unvermeidlich die Steinindustrie: wertvolle Granite, mit der Diamantsäge auf spiegelnde Platten zusammengeschnitten.
Wir werden ihnen in Banken und Hotels wieder begegnen.

Erbärmlichkeit des Lebens, in unserer Zivilisation meist tröstlich verhüllt. Ich meine: Der Kanal der Betrachtung, immer akkurat auf das Fremde gerichtet, er biegt sich zurück, gegen dich her, und der Stoff, süß oder bitter, gut oder böse, der da fließt, ergießt sich in dein Herz.


Monotonie der Landstraße. Die Sonne brennt herunter. Alleen. Das zwanzigsteDorf sieht aus wie das erste. Kleine Häuschen, bunt angemalt. Ein Raum, unterteilt, für die ganze Familie. Daneben Tiere, so vorhanden: Büffel, Ziegen, Schafe unter Wellblech. Kein Gehsteig. Kehrende Frauen. Viele Handys. Schwatzende Männer. Alle Stadien der Bekleidung. Weißbärtige Alte. Frauen, die Lasten auf ihren Köpfen tragen. Schulkinder auf Fahrrädern, von der Regierung gestellt. Schuluniform. Freitisch. Die Alten sprechen nur den lokalen Dialekt. Die Kinder, mit ihrem Hello-Goodbye-Englisch.

Jetzt wird das Land trockener, ja wüstenhaft. Bewässerungsprojekte. Erbsen, Paprika, Chilischoten, Mais und Weizen, Zuckerrohr, Wein gelegentlich. Vorn erscheint das Weichbild einer Stadt. Türme für Fernsehen und Telefonie. Moscheekuppeln oder Tempel. Erste Imbissbuden und Stände. Passantengewusel. Aufkommender Verkehr.

On a clear day you can see forever. Was sehe ich da? Zukunft ist Wissen mal Hoffnung, könnte man sagen. Wie steht's damit bei uns daheim?

Buchtenreich schließt sich der Erdkreis. Warme Meere. Schiffe auf der Reede, deren Lichter nachts so verheißungsvoll flimmern, Glück versprechend. Ehe die Sonne heraufkommt, fangen die Krähen zu schreien an. Palmwedel und Nüsse. Herrenlose Hunde. Die mächtige Stranddüne. Fahnen vorn am Ufer. Ein Eisvogel, der wie befreit jetzt dahinsaust.

 

 

 
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