Abstract in English by IGSG

Portugal in India
The renowned Swiss daily Neue Zürcher Zeitung in its section Travel has published an article about Goa with the title "Portugal in India". The author Friedemann Bartu writes that Goa, besides being a travel destination, reveals in the former capital Old Goa the tracks of Portugal. Referring that the former capital had close to 300.000 inhabitants in 1565, more than Lisbon and even more than London at that time, the article summarizes the history of the peak and the decadence of Old Goa concluding that in 1961 the 450 years of the colonial presence of Portugal in Goa ended within 48 hours.
 

September 7, 2012

 

Portugal in Indien
 

Indische Frauen vor der Basilika Bom Jesus, in welcher der Sarkophag des heiligen
Francisco Xavier aufbewahrt ist. (Bild: Laif / Rigoulet)

 

Auch wenn sich Goa heute vor allem als Destination für Strandferien empfiehlt, lässt sich in Alt-Goa, der ehemaligen Hauptstadt, trefflich auf den Spuren der Portugiesen wandeln.

 

by Friedemann Bartu
 

Goa Velha – ein Name wie ein Fado. Tatsächlich strahlt das von der Geschichte recht ungnädig behandelte Alt-Goa reichlich Melancholie aus. Dabei erinnert heutzutage nur noch wenig an die goldenen Zeiten, als die portugiesische Kolonie wegen ihres grossen Reichtums «Ilha Illustrissima» und wegen ihrer vielen Gotteshäuser «Rom des Orients» genannt wurde. Einige Dezennien zuvor, im Jahre 1510, hatten portugiesische Soldaten unter der Führung von Alfonso de Albuquerque den Ort am Ufer des Mandovi-Flusses eingenommen. Sie waren von Hindu unterstützt worden, die unter dem damaligen muslimischen Herrscher Adil Shah litten und auf ein besseres Dasein unter den Portugiesen hofften.

 

Mit Schwert und Bibel

Allein, die Lusitaner kamen mit Schwert und Bibel. Sie eroberten das heutige Alt-Goa, welches schon unter Adil Shah mit Tempeln, Moscheen, Villen und Festungsanlagen ausgestattet war. Und sie errichteten hier ihren bedeutendsten Handels- und Umschlagplatz ausserhalb Portugals. Auch begannen sie, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. So wurden ab 1540 fast alle Hindutempel zerstört und durch Kirchen ersetzt. Mehr noch: Die Region Goa war Schauplatz einer brutalen Inquisition, der vor allem Inder zum Opfer fielen. Gleichzeitig waren Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner derart aktiv, dass weit mehr Kirchen gebaut wurden, als die Einheimischen überhaupt je zu füllen vermochten.

Als 1565 der Sitz des portugiesischen Vizekönigs aus der Stadt Cochin (im heutigen Kerala) nach Goa verlegt wurde, steuerte die Kolonie auf ihren Zenit zu: Bis zu 300 000 Einwohner soll sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht gezählt haben, mehr als Lissabon oder London. Und es hiess sogar: Wer Goa gesehen hat, braucht Lissabon nicht mehr zu sehen.

Tempi passati. Die Zeugen der weltlichen Macht sind längst untergegangen. Überlebt haben nur diejenigen der kirchlichen. Dank den zum Teil sehr gut restaurierten Gotteshäusern zählt Alt-Goa inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe. Man muss nicht besonders religiös sein, um sich von diesen Bauten beeindrucken zu lassen. Zwar wird man das Gefühl nie los, diese Kirchen aus dem 16. und 17. Jahrhundert hätten sich irgendwie verirrt. Doch zugleich bietet das Nebeneinander von moderner indischer Realität und Barock- und Renaissance-Bauten einen so gewaltigen Kontrast, dass man sich als Tourist kaum sattsehen kann: Frauen in leuchtenden Saris vor dunkel getäferten Holztüren und schweren Ornamenten. Kinder im Sonntagsgewand und mit leuchtenden Augen unter schweren Altären und Statuen. Jedes Fotografen-Herz schlägt hier höher.

 

Jesus, Vishnu und Maria

Wer sich die Zeit nimmt, stösst zudem auf einzigartige Mischungen von hinduistischer und christlicher Religion. Etwa auf einen Jesus, der als eine Reinkarnation von Vishnu dargestellt wird, oder auf ein Abbild von Maria, die auf einem Krokodil steht. Eigentlich sind alle der rund zehn Kirchen einen Besuch wert. Die faszinierendsten sind aber die Sé-Kathedrale, dem Vernehmen nach die grösste Asiens, die Basilika Bom Jesus und die Kirche St. Cajetan. Letztgenannte ist dem Petersdom nachgebildet. In der stark besuchten Basilika Bom Jesus findet sich der Sarkophag des heiligen Francisco Xavier, des Mitbegründers des Jesuitenordens. 1542 hatte er sich nach Goa begeben und ist Jahre später in China verstorben. Sein Leichnam wurde erst später entdeckt – und zwar in so perfektem Zustand, dass er nach Goa übergeführt werden konnte. Alle zehn Jahre wird seither der Sarg für 45 Tage geöffnet, was jeweils Heerscharen von Pilgern anzieht. – Empfehlenswert ist auch ein Ausflug zu der auf einem Hügel stehenden Kirche Lady of the Mount. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung.

Allem Reichtum zum Trotz war Alt-Goa letztlich dem Untergang geweiht. Nachdem mehrere schwere Cholera-Epidemien (1534, 1543, 1635) die Bevölkerung massiv dezimiert hatten, wurde der Sitz des Vizekönigs 1695 verlegt. 1759 zog auch die geistliche Führung aus, weil 1735 eine erneute Epidemie über die Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht hatte. Das offizielle Ende kam aber 1843, als das benachbarte Panaji zur neuen Kapitale erkoren wurde. Die letzten religiösen Orden waren bereits 1835 aufgefordert worden, Alt-Goa zu verlassen. Viele verarmte Familien rissen ihre Häuser ab und verkauften die Bausteine, was den Niedergang Alt-Goas beschleunigte.

 

Rasches Ende

Von der Eroberung bis zum Rückzug der Portugiesen aus Indien im Jahre 1961 verstrichen 450 Jahre. Am Schluss endete die Kolonialisierung innert 48 Stunden. Der Widerstand im Volke war so gross, dass sogar alle portugiesischen Statuten in der Stadt in Sicherheit gebracht werden mussten. Diejenige von Alfonso de Albuquerque steht seither am Eingang zum Archäologischen Museum in Goa Velha, wo die bewegte Geschichte dieser Region sehr eindrücklich dargestellt wird.

 

 

 
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