NEUE RHEINISCHE ZEITUNG - 8. November 2013


Rezension des Buches "Lost in Goa" von Ingrid von Heiseler

Lost, aber nicht verloren

Von Friedhelm Baumgärtner

Mit "Lost in Goa" hat Ingrid von Heiseler ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das, um es vorwegzunehmen, unbedingt lesenswert ist. Nicht nur des Geschehens wegen, das in ihm erzählt wird, sondern vor allem auch wegen der Form, in der sich das Geschehen entfaltet. Es werden zunächst verschiedene, an Figuren gebundene Handlungsfäden nebeneinander verlaufend entwickelt und nach und nach zusammengeführt. In demselben Maße, wie das geschieht, offenbaren sich die Handlungsmotive, die die Figuren miteinander verbinden, und wächst das Verständnis vom Ganzen.

Zu diesem Ganzen gehören zwei Männer und zwei Frauen, die aus Deutschland gekommen und in Goa unterwegs sind, sowie eine Frau und ein Mann aus den USA. Der eine sucht seinen Vater, den er nie gesehen hat, der andere kauft halblegal den ärmsten Leuten Kinder ab, die er in bessere Verhältnisse weitervermittelt. Die eine glaubt, dass Goa der richtige Ort sei, um „einen guten Abgang" zu finden, die andere sieht das Land als begehbaren Traum. Und für das Paar aus den USA ist Goa schon das eigentliche Zuhause.

Auf der goanischen Seite ist es ein berühmter Architekt, der maßgeblich daran mitwirkt, dass die zunächst für sich Agierenden im gemeinsamen Handeln zueinanderfinden; einem Handeln, das schließlich der Rettung eines entführten Kindes gilt. Und mehr oder weniger auch der eigenen. Indem sich nämlich die Handelnden in ihrem gemeinsamen Tun, fernab von jedem Esoterischen, gewissermaßen neu er-finden.

Wenn Ingrid von Heiseler das Geschehen entwickelt, lässt sie kulturelle und historische Aspekte Goas und Indiens mit einfließen wie auch solche der Mentalität der Menschen. Und auch den Schmutz und Gestank und das soziale Elend. Und zwar ohne jegliches Moralisieren.

Bemerkenswert ist eine gewisse Künstlichkeit, die dem Buch seinen besonderen Charakter verleiht. Das betrifft in den Text hineinmontierte briefförmige Tagebuchnotizen und auch Passagen aus Zeitungsartikeln. Vor allem aber betrifft es die rasche Bereitschaft der Figuren, sich umstandslos mitzuteilen und ihre Geschicke miteinander zu verschränken. Und es betrifft auch, was sie äußern. Denn das hat meist etwas Funktionales in dem Sinne, dass es mehr dem Fortgang des Ganzen dient und weniger der Profilierung einer subjektiv-personalen Haltung. Insofern erinnert es nicht nur an Märchen, sondern besitzt tatsächlich etwas davon. Und so nimmt sich das Buch nicht nur inhaltlich, sondern gerade auch von der Form her wie ein fremder Raum aus; eben wie der, in dem das Ganze auch spielt: nämlich in einer von der äußeren Realität abgesetzten Parallelwelt, in der das Imaginäre und Faktische fast unmerklich ineinanderfließen.

Lost in Goa, ja, aber keineswegs verloren. Und wie gesagt: unbedingt mit Gewinn zu lesen. (PK)

Friedhelm Baumgärtner ist Schriftsteller und hat diese Rezension im Wiesbadener Tagblatt veröffentlicht.

Ingrid von Heiseler, Lost in Goa. Fakten und Fiktion, 2013

Ingrid von Heiseler übersetzt seit einiger Zeit Artikel des israelischen Autors und ehemaligen Knesset-Abgeordneten Uri Avnery für die NRhZ.

 

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