Nachruf des deutschen Komponisten und Pianisten Herrn Hans-Udo Kreuels auf Professor Flores, der uns freundlicherweise durch Vermittlung des Instituts für Tasteninstrumente der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, an dem Professor Flores gearbeitet hat, geschickt wurde. Herr Hans-Udo Kreuels war Schüler von Prof. Flores

Lesen Sie auch den Artikel zum Tode von Professor Flores in der goanesischen Tageszeitung "Navhind Times"

NACHRUF

Professor Noel do Carmo Flores †

von einem seiner ersten Schüler
 

Sein Sohn Sergio sagte bei der Trauerfeier sehr treffend, dass man seine Person nicht fassen, nicht mit Worten umreißen kann! -

Was vor allem bleibt und sich mir spontan aufdrängt, ist ein Bild der Liebenswürdigkeit, der sicheren, sich nie unnötig hervortuenden Kompetenz, seines Bewusstseins, einen großen Schatz zu hüten, und einer stillen Freude darüber, den Schlüssel dazu zu besitzen. Das sind Zeichen von Kennerschaft und geistiger Verfügbarkeit, die bei vielen Menschen schnell mal zu einer gewissen Arroganz führen könnten. Bei Noel Flores weit gefehlt! Die Freude, einem Menschen etwas erschließen zu können, Bewusstseins bereichernd wirken zu können, war so viel mehr wert für ihn, dass er niemals nötig hatte, vom Nichtwissen des anderen zu profitieren oder sich gar dadurch zu profilieren.

Ich hatte das Glück, die strömende Vielfalt seines Geistes und seiner Seele ganz weiträumig kennen zu lernen, auch dadurch bedingt, dass er sich 1976 mit Emphase in seine Unterrichts-tätigkeit an der Universität warf und neben seiner gewissenhaften, methodischen Vorgangs-weise viel von seinem persönlichen Zauber spielend, deutend, erklärend in den Unterricht einbrachte.

Wenn z.B. mancher gut gebildete Pianist in späteren Jahren - mit stets zu hörender perfekter Stilistik und Technik, wie Professor Flores diese Qualitäten selbstverständlich und unermüdlich erarbeitete - feinsinnige, untadelige Interpretationen, aber in einem gewissen (akademischen) Rahmen von sich gab, dann kam mir manchmal der Gedanke, dass der intuitive Charme, die große, unakademische Flexibilität seines Spiels und seine Nähe zum schöpferischen Ursprung etwas ganz tiefes Privates waren, zu dem nicht alle Studierenden einen Zugang fanden, mit dem er aber auch - in wacher Einschätzung einer jeden Unterrichtssituation - viele seiner Studierenden nicht unbedingt konfrontiert hat.

Was ist das für ein Glück, wenn man im Vertrauen steht, dass ein solch großer Lehrer sich einem öffnet! Nicht nur das umkreist, was für ein nobles, gutes Klavierspiel und eine unantastbare Diplomprüfung notwenig ist, sondern einen in die Geheimnisse der Poesie, des Klanges, sozusagen in die geniale Innenwelt einer Komposition hineinführt!

Noel hat mir Chopin erschlossen, genauso aber auch Bach, Mozart, Schubert. Wesentlicher aber ist noch, dass er in mir die Fähigkeiten des selbst Hörens, des selbst Erkennens und Beurteilens geweckt hat, mir meine eigenen musikalischen Werkzeuge, nicht nur die Finger, sondern auch den Kopf geöffnet hat, um Kunst einzuschätzen, zu erleben und zu erschaffen.

Wenn er mal sagte: „Für die Kunst ist nichts gut genug“, dann wusste ich genau, was er meinte. Es könnte als eine lapidare, sogar demotivierende Feststellung aufgefasst werden, wenn man nicht genau wüsste, dass er die Intensität, Aufrichtigkeit der Selbsteinschätzung und den Forscherdrang im Umgang mit der Musik meinte; Qualitäten, die bei einem wirklichen Künstler unverzichtbar sind und auch mit der Zeit nicht stagnieren.

Diesem Menschenbild, welches viel mehr als ein kompetentes Lehrerbild war, wollte man nachstreben, und wer eine große pädagogische Neigung in sich spürte, tat sich leichter, ihm nachzustreben. -

Erst jetzt komme ich auf die Systematik seiner Klaviertechnik, da sie nicht so wichtig wie das zuvor Gesagte ist. Ist man jedoch Klavierpädagoge und kreist ein Leben lang um Vermittlungsstrategien im technischen Bereich, dann ist sein klarer handwerklicher Ansatz, sein physikalisches, Naturbedingtes System der Leitfaden und das Medium schlechthin, mit dem man adäquat alle musikalischen Erfordernisse und Aufgabenstellungen angehen kann. Eine sicherere Ausstattung für einen Klavierpädagogen gibt es nicht! Und wie aus vielen Statements seiner Schüler(innen) hervorgeht, ist der therapeutische Aspekt im Aufarbeiten von technischen Fehlbildungen gar nicht zu trennen von der eigenen Vervollkommnung und ständigen Korrekturarbeit. Aber nur der, der mal am Abgrund stand und mit seinem eigenen technischen Wirrwarr zu kämpfen hatte, wird das Glück nachvollziehen können, einen Schlüssel in die Hand zu bekommen, der einen selbst und ebenso seine Schüler immer weiter auf die Basis natürlicher, physikalischer Handhabung führt, stets die körperliche Freiheit ausbaut und dadurch erst geistige und künstlerische Freiheit ermöglicht.

Das zu vermitteln ist ein großes Verdienst von Noel Flores, das in unserem Berufsstand nie hoch genug bewertet werden kann! Wenn Rudolf Kehrer zuweilen sagte: „Auf dem Klavier ist alles einfach oder eben unspielbar“, dann gab Professor Flores, viel Realitätsnäher und technisch fundierter, diesen geistigen Ansatz weiter und baute ihn zu einem Weg weisenden, für jeden hilfreichen Programm aus. Und wie wenige gute Pädagogen gibt es eben landauf, landab, die den jungen Menschen so effektiv und gezielt helfen können und wirklich ein neues Körpergefühl beim Schüler aufbauen können!

Noel Flores’ Arbeitsmethode war für mich ein faszinierendes Gesamtgebilde eines therapeutischen Körperansatzes wie eines daraus erwachsenden, vielschichtigen und fundierten Körperbewusstseins. So, wie für einen angehenden Psychotherapeuten die notwendige, oft mental absolut schwierige Selbstanalyse sukzessiv, ohne einen spürbaren Übergang in die Lehranalyse, in das handwerkliche Know how einmündet, so entwickelte Noel Flores aus dem therapeutischen Ansatz die angestrebte, individuelle künstlerische Freiheit und Selbstverwirklichung!

Einen Lehrer, der so umfassend Vorstellungen, Ziele, Poesie und derart realitätsnahe Praxis vermittelt, kann man Weltweit suchen. Man wird ihn nun suchen müssen.

Das, was Noel Flores uns gegeben hat, ist nicht wiederholbar. Aber seine Persönlichkeit, sein Künstlertum, sein Menschenbild und seine Professionalität werden uns immer ein Vorbild sein, nach dem es sich zu streben lohnt.

Wie könnte man ihn vergessen? –

Hans-Udo Kreuels                                                                                                         
Mai 2012

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