F.A.Z., 21.09.2005, Nr. 220 / Seite 39

Einwanderungsland Indien
Längst nicht mehr nur für Hippies

Von Martin Kämpchen, Santiniketan

21. September 2005 Das Abendessen in einem der besten Hotels von Goa war ausgezeichnet. Man saß im Garten unter Lampions, hatte zwischen indischer und europäischer Küche wählen können, trank französischen Rotwein. In der salzig-feuchten Brise, die vom Meer her wehte, knatterten die Kokospalmen, die den Garten einrahmten. Von dem Abend erquickt, riefen die deutschen Gäste den Koch, um ihm zu danken - und zu ihrem Erstaunen trat ein Landsmann an ihren Tisch.

Der Münchener hatte in Restaurants der Mittelklasse gearbeitet und vor zwei Jahren den Absprung nach Indien gewagt. Er wohnte im Hotel, erhielt in Goa sämtliche Zutaten für exzellente Gerichte, konnte seine kulinarische Phantasie spielen lassen und außerdem von seinen indischen Kollegen dazulernen. Gehalt? Weniger als zuletzt in Deutschland, auch hatte er längere Arbeitszeiten, dafür aber eine gute Wohnung, mehrere Bedienstete für billigen Lohn sowie Möglichkeiten, zu reisen und sich zu entspannen. Kindererziehung? Kein Problem, die kleinen Söhne hatten eine goanesische Kinderfrau. Wie lange wollte er bleiben? Nicht das ganze Berufsleben. Die Kinder sollten schon eine deutsche Schule besuchen. In einigen Jahren hoffte er mit seiner indischen Fünf-Sterne-Erfahrung einen Chefkoch-Posten in einem erstklassigen Hotel in Deutschland zu bekommen.

Der Tourismus wächst rasant

Man kam auf andere Europäer zu sprechen, die in der indischen Hotelbranche Fuß gefaßt hatten. Der Abschwung im Auslandstourismus nach dem 11. September 2001 ist endgültig überwunden. Nachdem das politische und wirtschaftliche Klima im Lande positiv ist, schrecken die Big-budget-Touristen nicht mehr vor Indien zurück. Der Tourismus ist eines der am rasantesten wachsenden Gewerbe. Schon fehlen Tausende von Betten in den Hotels der obersten Kategorie, und die internationalen Hotelketten suchen mit Adleraugen nach neuen Plätzen. Der Bedarf an hervorragend ausgebildetem Hotelpersonal wird längst nicht mehr von Einheimischen gedeckt. Frage an den Münchener: Werden Ihre Kollegen nachkommen? Man brauche schon Mut und Abenteuergeist, ist die Antwort, und die Geduld, sich nicht von der oft undurchsichtigen indischen Bürokratie unterkriegen zu lassen. Sie in den Griff zu kriegen ist nur mit einheimischer Hilfe, also mit Beziehungen, möglich. Zum Glück haben Inder selbst auf der Managerebene die Zeit, sich mit den persönlichen Problemen der Angestellten zu befassen.

In der Tourismusbranche hat es schon immer Europäer gegeben. Man erinnert sich an den französischen Architekten, der das Fort Neemrana in Rajasthan in zerfallenem Zustand aufgekauft und daraus ein hervorragendes Hotel aufgebaut hat, das die ursprüngliche Architektur stilvoll nachgestaltet. Inzwischen hat er ein halbes Dutzend ähnlicher Projekte an der Hand. Oder man erzählt von einem Deutschen, der in der einzigartigen Flora und Fauna der Berge von Nordkerala einen Ökopark mit kleinen Bungalows errichtet hat, die er vermietet 

Eine sinnvolle Arbeit leisten

Indien hat schon immer Individualisten angezogen, die den Mangel an einer dichten Infrastruktur als ihre Freiheit auslegten, etwas Ungewöhnliches aufzubauen. Menschen im Bereich von Entwicklung und karitativer Arbeit hängen meist bewußt eine Karriere an den Nagel oder unterbrechen sie, um unter den Randgruppen der Gesellschaft eine schwierige Arbeit zu leisten. Das knappe Gehalt hindert sie nicht daran. Ihr Profit ist, daß sie eine sinnvolle Arbeit leisten, deren Nützlichkeit sie Tag für Tag erleben.

Einfacher macht es sich da die Goa-Fraktion, die aussteigt, um für wenige ersparte Euros in Indiens Paradiesen zu kampieren. Sie nutzt das Preisgefälle aus, um sich in Indien mit dienstbaren Geistern zu umgeben, und betreibt oft im Namen eines einfachen Lebens einen feudalen Luxus. Dazu gehören Lebenskünstler oder echte Künstler, Althippies, Utopisten, Nirwana-Süchtige, Frühpensionäre und gelehrte Eigenbrötler mit genialen Ideen. Manche bleiben das ganze Jahr hängen, andere verbringen wie Zugvögel das „gute” Halbjahr, nämlich Herbst und Winter, in Indien und die heiße Zeit in Europa. Sie liegen nicht nur an Goas Stränden, sondern haben sich im Kullutal im Himalaja, in den Krishna-Klöstern von Mayapur, im Aurobindo-Aschram von Pondicherry oder in Auroville eingenistet. Ihre Kolonien hat es immer schon gegeben. Sie waren Aussteiger, als sie ankamen, und sind es geblieben.

Schauspieler mit Alabasterteint

Eine neue Klientel sind eigentlich nur die weißhäutigen Stars und Models männlichen und weiblichen Geschlechts in der Film- und Modebranche. Helle Haut ist seit je chic im dunkelbraunen Indien. Der antikoloniale Affekt gegen europäische Gesichter hat sich langsam erschöpft, zudem bemüht sich Bollywood eifrig um Popularität über die Landesgrenzen hinaus. So erstaunt es nicht, daß alle großen Historiengemälde der letzten Jahre auch Schauspieler mit Alabasterteint aufbieten. Wer fühlt sich berufen? Wer will nach Bollywood oder ins indische Modegeschäft auswandern? Man darf sich vor der Abreise nur nicht zu lange in die Sonne legen.

Hat aber der arbeitswillige Technokrat, der es in Deutschland schon zu etwas gebracht hat, keine Chance auf dem indischen Markt? Amit Dasgupta, zweiter Mann in der indischen Botschaft von Berlin, ist davon überzeugt, daß für Deutschland Indien die „Handelsadresse der Zukunft” ist. Die Nachfragen von jungen Geschäftsleuten und Ingenieuren, die in Indien Karriere machen wollen, häuften sich. Wollen sie mit deutschen Konzernen und Organisationen nach Indien gehen, etwa als Chefs oder Abteilungsleiter der indischen Firmenbranchen? Das hat es doch immer schon gegeben! Nein, eben nicht, sagt Dasgupta. Sie seien bereit, in großen indischen Handelshäusern einzusteigen, besonders in jene mit multinationaler Präsenz. Gerade auch in der Informationstechnologie und in Management-Berufen gebe es qualifizierte Auswanderungswillige. Werden sie ein Visum bekommen? Die Visumpolitik der indischen Regierung, entgegnet der Diplomat, hat sich über die Jahre dem Globalisierungstrend angepaßt und ist immer liberaler geworden.

Indien als Karrieresprungbrett?

Der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke, mit Sitz in Bombay bezweifelt allerdings, daß viele Deutsche ihre Karriere in Industrie und Wirtschaft dieses Landes suchen. „Zur Zeit ist das noch nicht der Fall, obwohl die deutsch-indischen Handelsbeziehungen boomen.” Zahlreiche Praktikanten und Referendare kommen, um sich in Indien berufliche Sporen zu verdienen. Indien als Karrieresprungbrett, gewiß, doch nicht als Auswanderland. Noch nicht?

Indiens expandierende Wirtschaft hat inzwischen einen akuten Mangel an Fachkräften in ganz bestimmten Bereichen. Das indische Erziehungswesen muß sich radikal umstellen, um nicht mehr die konventionellen Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure zu produzieren, die dann ohne Job bleiben. Die südindische Zeitschrift „The Week” hat Anfang August aufgezählt, daß Computeringenieure und Fachleute im Bereich der Informationstechnologie fehlen, ebenso Piloten, Flugzeugingenieure und Ingenieure in der Automobilindustrie. Fachärzte und Spezialisten im gehobenen Gesundheitswesen, Spezialisten in der Biotechnologie, der Pharmaindustrie und in den lebensmittelverarbeitenden Industrien würden verzweifelt gesucht. In einem so riesigen Land wie Indien gehen die Defizite sofort in die Hunderttausende.

Wie lange wird es dauern, bis Indien gezielt die Arme nach Deutschen ausstreckt, die solche Lücken füllen oder die Inder ausbilden, die sie füllen werden? Zunächst ist die Rede von Kandidaten aus anderen asiatischen Ländern, deren Gehaltsforderungen dem indischen Niveau angepaßt sind. Außerdem beobachtet Steinrücke bereits eine markante Rückkehrbewegung von Auslandsindern in ihre Heimat. Wann kommen wir Deutschen dran?

 

 

 

 

 
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