DIE WELT - 14. Januar 2006

Goa zwischen hip und Hippie

Indiens Paradies der Blumenkinder ist heute ein glamouröser Urlaubs-Ort für Individualisten und Trendsetter - Durchaus erschwinglich

von Patricia Engelhorn

Mrs. Bragança Pereiras ganzer Stolz ist ein Fingernagel. Knapp 500 Jahre alt, eine Reliquie, die sie in der familieneigenen Kapelle hinter ihrer prächtigen Villa voller Antiquitäten, wertvollem China-Porzellan, englischem Silber, Marmor aus Carrara und Kronleuchtern aus bayerischem Kristallglas in einem eigens dafür konstruierten Schrein aufbewahrt. Der Fingernagel gehörte dem Heiligen Franz Xaver, der in der Basilica do Bom Jesus in einem von den Medicis gestifteten und in Florenz gearbeiteten Sarkophag ruht - wenn er nicht gerade in einer mehrstündigen Prozession in die gegenüberliegende Sé-Kathedrale getragen und dort ein paar Wochen lang der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Niemand weiß genau, wie die adlige Familie der Bragança Pereiras in den Besitz der Reliquie gekommen ist. Sicher ist hingegen, daß dieser Fingernagel und der Kult, der um die Figur des St. Francis Xavier getrieben wird, viel über einen Landstrich und dessen Bewohner aussagt. Die barocke Basilika, in der sich St. Francis Xaviers Mausoleum befindet, steht in Old Goa. Die Bezirkskapitale war einst eine kosmopolitische und florierende Handelsstadt, bis sie im 17. Jahrhundert von einer Malaria-Epidemie heimgesucht und fluchtartig verlassen wurde. Heute ist sie dank Unesco-Finanzierung ein Open Air-Museum mit mehreren mächtigen Kirchen, die Goa nicht zuletzt der Überzeugungsarbeit des Heiligen Franz Xaver zu verdanken hat, der, den Legenden zufolge, 30 000 Goaner zum Christentum bekehrte.

Goa gilt als das ultimative Paradies des indischen Subkontinents, neben Aussteigern und Freaks, wohlhabenden Indern sowie Touristen aus aller Welt wurden auch VIPs wie Jade Jagger, Kate Moss, Richard Gere und Giorgio Armani an den idyllischen Stränden von Arambol oder Morjim gesichtet. Sie residieren in stilvollen Miet-Pousadas oder im extravaganten "Nilaya Hermitage", einem Zwölf-Zimmer-Hotel der Luxuskategorie, und shoppen in den schicken Boutiquen der indischen Stardesigner Malini Ramani (in Calangute) oder Wendell Rodricks (in Panjim).

Am Mittwoch pilgern alle zum Markt von Anjuna, dem größten, schönsten und bekanntesten Hippie-Markt der Welt. Verkauft wird hier ein buntes Sammelsurium: Kunsthandwerk, Schmuck, Bekleidung, Schuhe, Stoffe, Hausaccessoires sowie alle Utopien der alternativen Welt. Frauen aus Karnataka in ihren reich geschmückten, traditionellen Gewändern vergleichen ihre Fußkettchen mit denen von hoch gewachsenen Blondinen im Minirock, langhaarige Freaks tauschen mit Turban tragenden Sikhs Erfahrungen im Umgang mit defekten Motorrädern aus. Am Spätnachmittag trifft man sich in der lässigen Strandbar, um zu den fetzigen Rhythmen einer Live-Band und bei einer Flasche Kingfisher Bier den Sonnenuntergang zu erleben. Selbst die Kühe scheinen das ungezwungene Ambiente zu genießen - sie machen es sich im warmen Sand bequem.

Um die besondere Stimmung zu beschreiben, die Goa so einzigartig macht, benutzen Einheimische das Wort "susegad". Damit ist eine höchst entspannte, friedliche und sorglose Atmosphäre gemeint. Für Mrs. Bragança Pereira ist "susegad" nur eine faule Ausrede für mangelnde Disziplin und Nachlässigkeit, aber ihre Nichte weiß genau, was damit gemeint ist: "Laß dir Zeit, genieße das Leben und sei glücklich", erklärt sie fröhlich.

"Susegad" dürfte auch den Portugiesen gefallen haben, als sie um 1510 in Goa einfielen und hier die reichste und zugleich dekadenteste Kolonie Asiens etablierten. Schon Ende des 16. Jahrhunderts war Goa mit 300 000 Einwohnern größer als Lissabon oder Paris zu jener Zeit.

Kritiker bemängeln gern, zu viel "susegad" habe Goa verdorben. Zuviel Tourismus, zu viele Partys, zuviel Kommerz. Aus dem Aussteiger-Paradies für Alternative, heißt es, sei ein exotisches Benidorm für die Massen geworden. Vergeistigten Indien-Fans war die sonnige Urlaubswelt ohnehin schon immer ein Dorn im Auge: Hier regieren nicht Askese und Armut, sondern Spaß und Oberflächlichkeit. Fast so wie auf Ibiza oder in St. Tropez.

Angesichts dieser Vorwürfe muß sich jeder, der den kilometerlangen Arossim Beach entlang schlendert, fragen, ob er im falschen Goa gelandet ist. Kaum ein Mensch ist am breiten, feinsandigen Strand zu sehen. Dafür stehen sanft gebogene Kokospalmen und vereinzelte Fischerboote in den Dünen, weiter hinten haben Einheimische ein paar Bretterbuden in den Sand gestellt. Tagsüber vermieten sie Liegen und Sonnenschirme, abends werden Fische, Langusten und Krebse auf langen Spießen im Tandoor-Ofen gegrillt. Kunden haben sie kaum, und so vertreiben sie sich mit Netzflicken und Brettspielen die Zeit.

Benidorm? Im Strand von Arossim steht das luxuriöse Park Hyatt Hotel. Vom Wasser aus sind nur die Sonnenliegen zu sehen, auf denen Urlauber dösen. Der Rest des im Indo-Portugiesischem Dorfstil errichteten Resorts duckt sich ein paar Meter landeinwärts unter Schatten spendenden Casuarina-Bäumen. Ein gigantischer Pool schlängelt sich durch die Anlage, vorbei an den Terrassen der stilvoll gestalteten Zimmer.

Tatsächlich hat Goa zwei völlig verschiedene Seiten zu bieten. Während in den alteingesessenen Hippie-Hochburgen wie Calangute, Candolim und Baga in Nord Goa das Leben tobt und selbst um Mitternacht Strandrestaurants, Bars und Geschäfte noch voller Menschen sind, ist Süd Goa still und beschaulich geblieben. Eine Handvoll Luxusherbergen teilen sich den Küstenstreifen, dahinter stehen die imposanten, portugiesisch geprägten Villen der wohlhabenden Goaner. Hier und dort sorgen ein kleiner Markt, eine Kirche, ein Schulhaus für etwas Geselligkeit - von Highlife keine Spur.

Um überhaupt hin und wieder einen Käufer zu finden, hat Francisco seine bunten Batik-Sarongs auf den Gepäckträger eines Fahrrads geladen. Damit fährt er den Strand ab, vom Arossim nach Utorda oder bis Majorda, manchmal sogar bis nach Colva, dem einzigen Dorf im Süden, das ein wenig Beach-Life zu bieten hat: Ein paar Verkaufsstände, eine Handvoll Lokale, eine Bar aus dessen Musikanlage der Kultsong "Riders on the Storm" von den Doors schallt. Hier ist Goa noch so wie vor 40 Jahren, als die Portugiesen abzogen und das Kommando von der Flower Power-Generation übernommen wurde: jung, unkompliziert und voller "susegad".

 

 

 

 

 
HOME
NEWS
EVENTS
CULTURE AND SOCIETY
IGSG CULTURAL WEEKS
GERMAN LANGUAGE CLASSES
MEDIA
ECONOMY
MAPS
IMPORTANT ADDRESSES AND LINKS
ABOUT US
CONTACT US